Band 13

Walter Schmidt: Option für die Armen? Erkenntnistheoretische, sozialtheoretische und sozialethische Überlegungen zur Armutsbekämpfung (2005)

Eine „Option für die Armen“ im Rahmen einer Theologie der Befreiung erfordert nicht allein die Thematisierung und Vermittlung der transzendenten Dimension des Glaubens. Es gilt in gleichem Maße, Realität bzw. die profane Geschichte in den Blick zu nehmen, um daraus eine „befreiende Praxis“ zu entwickeln.

Walter Schmidt nimmt sich in dem vorliegenden Buch diesen beiden Perspektiven an und entwickelt erkenntnistheoretische, sozialwissenschaftliche und sozialethische Grundlagen einer Theologie der Befreiung. Für dieses umfassende Vorhaben greift der Autor drei, dem ersten Blick nach sehr unterschiedlich erscheinende Literaturstränge auf: die „Inteligencia Sentiente“ des spanischen Philosophen Xavier Zubiri, die „Strukturationstheorie“ des britischen Soziologen Anthony Giddens sowie die Überlegungen des indischen Ökonomie-Nobelpreisträgers Amartya Sen zu einer normativen (Entwicklungs-)Ökonomik.

Zubiris Arbeiten dienen Walter Schmidt in einem ersten Schritt dazu, eine interessante erkenntnistheoretische Position zu entwickeln, indem eine Wiedergewinnung der Einheit von sinnlicher Wahrnehmung und verstandesmäßigem Erkennen hergeleitet wird, bei der Kognition im engeren Sinne auf der Wahrnehmung mit den Sinnen („sentir“) aufbaut. Dieses – gegenüber anderen Erkenntnistheorien – umfassendere Erkennen ermöglicht es, soziale Realitäten über Armut adäquater zu erfassen, indem der Kontext des Erkennens als mit-konstituierend für den Erkenntnisprozess sozialer Realität gedacht wird. Dies führt den Autor dann auch zu einem Geschichtsverständnis, das weder voluntaristisch noch deterministisch ist. Ganz im Gegenteil gelingt es dem Autor mit Zubiri die traditionelle Trennung von Subjektivismus und Objektivismus aufzuheben.

Eben diesen Schritt ist auch Anthony Giddens mit seinem strukturationstheoretischen Ansatz in der Soziologie gegangen, wie Schmidt zeigt. Die Tatsache, dass Zubiri in erkenntnistheoretischer und Giddens in sozialtheoretischer Hinsicht in dieser Frage ein wichtiges Anliegen teilen, ermöglicht es dem Autor seinen Ansatz insbesondere um Macht- und Herrschaftsaspekte sowie die „Dualität von Strukturen“ weiter zu präzisieren.

Im letzten Teil des Buches werden die vorangegangenen Überlegungen um eine sozialethische Perspektive ergänzt. Es wird mit Sen unter anderem gezeigt, dass Freiheit und die Verfolgung des individuellen Nutzens nicht gleichgesetzt werden können und damit ein in der traditionellen Wohlfahrtsökonomik gängiges Verständnis kritisiert. Von herausragender Bedeutung sind vielmehr die Fähigkeiten (capabilities) von Personen, also die (positive) Freiheit einer Person, sich für eine bestimmte Lebensweise entscheiden zu können.

Walter Schmidt entwickelt in dem vorliegenden Buch eine überaus interessante theoretische Grundlage für eine „Option für die Armen“, mit dem wir allen Leserinnen und Lesern viel Vergnügen wünschen.

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