Band 6

Klaus M. Leisinger, Whistleblowing und Corporate Reputation Management (2003)

Vorwort der Herausgeber

Whistleblowing ist in der deutschsprachigen Wirtschafts- und Unternehmensethik – im Gegensatz zur amerikanischen Business Ethics – ein bis heute stark vernachlässigtes Thema. Das liegt nicht etwa daran, dass das durch Whistleblowing ausgedrückte Problem hier weniger relevant wäre – ganz im Gegenteil. Ohne auf zu einfache Erklärungsmuster zurückzugreifen kann ein Grund vielmehr darin gesehen werden, dass in der deutschsprachigen Wirtschafts- und Unternehmensethik von Beginn an immer gewisse Berührungsängste mit praktischen moralischen Problemen bestanden. Erst seit kurzer Zeit ist insbesondere im Bereich der Unternehmensethik ein deutlicher Schritt in Richtung Anwendungsorientierung zu beobachten. Das vorliegende Buch von Klaus M. Leisinger füllt also einerseits thematisch ein Desiderat in der unternehmensethischen Debatte und schließt andererseits an die „praktische Wende“ in der Unternehmensethik an.

Potentielle Whistleblower gehören nach Leisinger zu den Anspruchsgruppen (Stakeholdern) von Unternehmen und ihre Anliegen müssen daher ernst genommen werden. In diesem Sinn geht es in der Studie nicht nur um die Whistleblower bzw. das Whistleblowing selbst, sondern vor allem um die Mechanismen und Prozesse in Unternehmen oder anderen Organisationen, die Whistleblowing entstehen lassen. Diese werden in aller Deutlichkeit herausgearbeitet, um auf dieser Basis Lösungsvorschläge zu entwickeln. Whistleblowing wird dabei aus der Perspektive eines „Praktikers“ beschrieben, der das Thema sowohl anschlussfähig an die Managementtheorien als auch an die Wirtschafts- und Unternehmensethik macht. Leisinger regt zu mehr Individualethik an und sieht darin eine Grundvoraussetzung für konstruktives und erfolgreiches Dissensmanagement – ein Aspekt der lange Zeit in der Wirtschafts- und Unternehmensethik vernachlässigt wurde. Über die moralischen Voraussetzungen des Einzelnen hinaus sind aber auch institutionenökonomische Bedingungen erfolgsentscheidend. In diesem Zusammenhang steht eine offene und ethisch reflektierte Unternehmenskultur im Vordergrund. Offene Systeme sind – so der Autor – humaner, leistungsfähiger und erfolgreicher.

Kurz gefasst: Whistleblowing entsteht aus einem Dissens zwischen Handlungsweisen im Unternehmen oder des Unternehmens und deren Beurteilung hinsichtlich Legalität und Legitimität durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unabhängig davon, wer das juristische oder moralische Recht auf seiner Seite hat, kann für ein Unternehmen insbesondere durch externes Whistleblowing erheblicher langfristiger Schaden – meist in Form von Reputationsverlust – entstehen. Um dies zu verhindern, müssen Unternehmen ein konstruktives Reputation Management umsetzen, das dazu beiträgt, Whistleblowing bereits im Ansatz zu vermeiden. Und genau das ist das Ziel dieser Studie, die anhand einer Fülle von Fallbeispielen das gesamte Spektrum von Whistleblowing deutlicht macht. Eigene Untersuchungen zeigen, dass Whistleblowing aus unternehmensethischer Perspektive dabei nicht eindeutig zu bewerten ist. Das Buch ist ein Appell sowohl an die Aufrichtigkeit des Einzelnen als auch an die Schaffung von entsprechenden organisatorischen und institutionellen Bedingungen.

Die ersten fünf Bände der Schriftenreihe waren Dissertationen, die zwar für die Praxis relevant, aber doch vor allem wissenschaftliche Studien sind. Die vorliegende Untersuchung Whistleblowing und Corporate Reputation Management richtet sich dem gegenüber deutlicher gleichermaßen an Praktiker und an Wissenschaftler. Damit sind wir der Zielsetzung der sfwu, die wichtige Verbindung von Theorie und Praxis in der Wirtschafts- und Unternehmensethik zu unterstützen, einen Schritt näher gekommen.

              Die Herausgeber